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Okzident und Orient
Die Faszination des Orients im langen 19. Jahrhundert

Klaus-Werner Haupt

In siebzehn Kapiteln werden neunzehn Persönlichkeiten des langen 19. Jahrhunderts vorgestellt, deren Texte, Bilder und Erfindungen deutlich machen: Okzident und Orient sind nicht zu trennen.

Carl Heinrich von Heineken

Carl Heinrich von Heineken

Klaus-Werner Haupt

Diktator des guten Geschmacks

Carl Heinrich Heineken wurde am 24. Dezember 1707 als ältester Sohn eines Porträtmalers und einer Kunsthändlerin in der Hansestadt Lübeck geboren. Er besuchte das Katherineum (Gymnasium), zu dem die traditionsreiche Stadtbibliothek gehörte. Als junger Mann litt Carl unter dem Rummel, der um seinen Bruder Christian, das „Wunderkind von Lübeck", gemacht wurde. Mit 17 Jahren verließ er das provinzielle Lübeck, um in der Messe- und Universitätsstadt Leipzig Literatur und Recht zu studieren. Dort lernte er auch die Aufklärungsgedanken Johann Christoph Gottscheds sowie renommierte Sammlungen kennen. Im Jahre 1730 ging Heineken nach Dresden. Die Barockstadt glänzte bereits unter König August II. (August dem Starken) mit Kultur und Kunst. Als Hauslehrer unterrichtete Heineken die Kinder des kurfürstlich-sächsischen Zeremonienmeisters und Hofpoeten Johann Ulrich König. Drei Jahre später wechselte er in die Dienste des Ministers Aleksander Józef Sułkowski . Nach dessen Sturz am 5. Februar 1738 wurde er schließlich Privatsekretär und Bibliothekar bei Heinrich von Brühl. Der mächtige Premierminister vertraute Heineken bald die Verwaltung all seiner Kassen und Besitztümer an.

Schloss Altdöbern
Schloss Altdöbern

1742 arrangierte Brühl die Heirat des mittellosen Kammerrates Heineken mit Friederike Magdalena Nöller, der Tochter des vermögenden königlichen Küchenmeisters. Im Auftrag Brühls kaufte Johann Jakob Nöller vier Jahre später das Gut Alt-Döbern bei Cottbus. Dahinter steckte vor allem eine strategische Absicht: Heineken sollte den Bau von Brühls neuem Schloss in Pförten (poln. Brody) - verkehrsgünstig auf der „Königslinie" von Dresden nach Warschau gelegen - beaufsichtigen. Nach Nöllers Tod im Jahre 1749 wurde Heineken Erb-, Lehns- und Gerichtsherr in Altdöbern. Namhafte sächsische Künstler wie der Baumeister Johann Christoph Knöffel begannen mit Umbauten des Rokokoschlosses und der Gestaltung prachtvoller Salons. Der Park wurde auf 62 Hektar vergrößert, der Französische Garten mit Skulpturen, Wasserspielen und Pavillons ausgestattet.

König August III. setzte ab 1733 das Werk seines Vaters fort. Er schätzte Heineken als Kenner in Sachen Kunst und berief ihn 1746 zum Direktors seines Kupferstichkabinetts. Als „Diktator des guten Geschmacks" ließ Heineken europaweit Ankäufe tätigen. Mit Kunstwerken aus den Niederlanden, Frankreich, Spanien, habsburgischen Landen und Italien gelangte die königliche Gemäldegalerie zu Weltruhm. Krönender Abschluss der Erwerbungen war Raffaels Sixtinische Madonna (1512/13). Das verwitterte Renaissancegemälde fand in Dresden zunächst wenig Begeisterung. Der Erste, der sich 1755 an die Beschreibung des zwei mal zweieinhalb Meter großen Werkes wagte, war Johann Joachim Winckelmann. Für ihn stellte die Sixtinische Madonna eine vorbildliche Nachahmung der Alten (Griechen) dar. Carl Heinrich von Heineken - von Friedrich Nicolai später als „Diktator des guten Geschmacks" bezeichnet -  widersprach Winckelmanns Auffassung. Er sah auch keinen Grund, das Gemälde in sein repräsentatives Katalogwerk aufzunehmen. Für Heineken waren die Gemälde Antonio da Corregios  Heilige Magadalena  und  Heilige Nacht  die kostbarsten. Der Quereinsteiger Winckelmann war eben kein Kenner.

Nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) regierte der junge Kurfürst Friedrich Christian. Graf Brühl fiel in Ungnade. Wenige Tage später, am 28. Oktober 1763, verstarb er. Am Abend zuvor wurde sein Vertrauter Heineken aller Ämter enthoben und verhaftet. Man warf ihm vor, für die Finanzmisere des Kurfürstentums Sachsen mitverantwortlich zu sein. Langwierige Prozesse folgten. Am 29. März 1769 leistete Heineken zwar den Reinigungseid, doch seine weitere Anwesenheit in Dresden war unerwünscht. Der Graf verkaufte sein Palais am Taschenberg (heute Hotel Taschenbergpalais) und siedelte nach Altdöbern um. Dort beschäftigte er sich  fortan mit  Tabakverarbeitung und Obstbau oder arbeitete an seinem mehrbändigen Künstlerlexikon Dictionnaire des artistes (1778-1790). 

Aufgrund der Namensähnlichkeit mit dem korrupten Konferenzminister Hennicke - in dem Fernsehfilm Sachsens Glanz und Preußens Gloria (1983/84) dargestellt durch den Charakterdarsteller Eberhard Esche - stand Heineken Zeit seines Lebens in schlechtem Licht. Am 23. Januar 1791 verstarb er in Altdöbern. Neben Johann Joachim Winckelmann und Christian Ludwig von Hagedorn zählt Carl Heinrich von Heineken zu den einflussreichsten Kunstgelehrten des 18. Jahrhunderts. Seine Nachrichten von Künstlern und Kunstsachen (1768/71) dienen bis heute als nützliche Quellen.

Mit dem Wiener Kongress (1814/15) fiel auch das sächsische Gut Altdöbern an Preußen. Nach wechselvoller Geschichte wurden Schloss und Park im Jahre 1997 durch die Brandenburgische Schlösser GmbH erworben. Zuerst wurde die Orangerie wiederhergestellt. Seit 2012 laden ein barocker Garten und ein Café zum Verweilen. Zum Tag des offenen Denkmals 2015 konnten der Öffentlichkeit die aufwändig restaurierten Festsäle des Schlosses vorgestellt werden.

Ziel der 2016 gegründeten Carl Heinrich von Heineken Gesellschaft ist die Auseinandersetzung mit Leben und Werk des Begründers der modernen Kupferstichkunde: http://www.carl-heinrich-von-heineken.de/

Quellen:

Ausstellungsflyer Ein Licht in der gelehrten Welt. Altdöbern: Ein Zentrum der Kunst- und Kulturgeschichte im 18. Jahrhundert (2012). Kurator: Martin Schuster, Kupferstichkabinett Dresden

 

Haupt, Klaus-Werner: Johann Winckelmann. Weimarer Verlagsgesellschaft 2014, S. 68 ff.

 

Abbildungsnachweis:

( 1 ) Carl Gottlieb Rasp, Bildnis Carl Heinrich von Heineken

( 2 ) Schloss Altdöbern. Foto: Haupt (2015)

 

( 3 ) Wasserspiele im Park Altdöbern. Foto: Haupt (2015)