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Johann Winckelmann

Begründer der klassischen Archäologie und modernen Kunstwissenschaften

Klaus-Werner Haupt

Das Porträt eines außergewöhnlichen Aufklärers, dessen mysteriöser Mord bei seinen zeitgenössischen und namhaften Verehrern - wie Goethe, Herder oder Anna Amalia - einen Schock auslöste

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Das Gemälde "Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek" steht im Mittelpunkt dieser Abhandlung und dient als Vorlage für eine kurze szenische Darstellung, die die Geisteshaltungen und die Kontroversen der zwölf Gelehrten sichtbar werden lässt.

Johann Joachim Winckelmann

Johann Joachim Winckelmann

Klaus-Werner Haupt

Johann Joachim Winckelmann

Die Zeit des Altertumsforschers in Nöthnitz und Dresden

Der in Stendal/Altmark geborene Johann Joachim Winckelmann fühlte sich zwar zum Pädagogen berufen, aber das Lehrerdasein in Preußen brachte ihm nicht die erhoffte Erfüllung. Im Alter von 30 Jahren musste er feststellen, dass er sich ohne Protektion und ohne finanzielle Mittel in einem Teufelskreis drehte. Am 16. Juni 1748 bewarb er sich um die Bibliothekarsstelle auf dem Bünauischen Gut Nöthnitz bei Bannewitz. Der Name Heinrich Graf von Bünau - Besitzer einer mehr als 40.000 Bände umfassenden Universalbibliothek und Verfasser der Teutschen Kayser- und Reichs-Historie - war Winckelmann bereits geläufig. Er wünschte nichts sehnlicher, als der Wissenschaft zu dienen. Bereits nach wenigen Wochen erhielt er die Zusage des Grafen - der Teufelskreis schien durchbrochen! Voller Erwartung traf Winckelmann am 8. September 1748 auf dem landschaftlich reizvoll gelegenen Renaissanceschloss Nöthnitz ein. Als zweiter Gehilfe arbeitete er zunächst an Bünaus Reichs-Historie. Anleitung gab der Bibliothekar Johann Michael Francke, der selbst an dem neuartig strukturierten Catalogus Bibliothecae Bunavianae arbeitete. So erwarb Winckelmann wichtige Fertigkeiten im Umgang mit historischen Quellen und Dokumenten.

Bald galt er als sachkundiger Gesprächspartner und führte die zahlreichen Gäste durch die Salons der Bibliothek. Sein Traum war ein Studienaufenthalt in der Ewigen Stadt Rom. Dieser Traum wurde genährt durch den in Dresden akkreditierten päpstlichen Botschafter. Kardinal Archinto stellte Winckelmann eine Stelle an der Vatikanischen Bibliothek in Aussicht - unter einer Bedingung: die Konversion des Protestanten zum katholischen Glauben.

Der Studienaufenthalt in Rom war mit einem Stipendium von 200 Talern zunächst für ein Jahr gedacht. Dafür erwartete der Dresdner Hof über Neuigkeiten aus den Grabungsstätten am Vesuv informiert zu werden. Zweifel an der Richtigkeit seines Vorhabens ließen Winckelmann den Glaubenswechsel drei Jahre lang aufschieben. Schließlich wurde am 11. Juli 1754 der „kühnste Schritt", den er je in seinem Leben getan hatte, vollzogen. Archinto hatte vor seiner Rückbeorderung nach Rom erfolgreich einen Protestanten bekehrt.

Anfang Oktober 1754 siedelte Winckelmann ins nahe Dresden über. An die Stelle antiquierter Büchergelehrsamkeit trat nun die lebendige Begegnung mit der bildenden Kunst. In der Königlichen Gemäldegalerie führte der Galerieinspektor Riedel Besucher durch die Sammlungen italienischer und niederländischer Kunstwerke. Hatte sich Johann Winckelmann - wie er sich kurz nannte - bisher überwiegend Sprachen und Geschichte gewidmet, entwickelte er sich nun selbst zum Schriftsteller. Mit seinem unvollendet gebliebenen Essay Beschreibung der vorzüglichen Gemälde der Dreßdner Gallerie (1752) verband er die Absicht, junge Adlige in Form eines Sendschreibens auf die einzigartigen Kunstwerke aufmerksam zu machen. Winckelmann kreierte einen völlig neuen Stil. So enthalten die Bildbeschreibungen neben dem mythischen Szenario auch die Schilderung menschlicher seelischer Vorgänge. Der in der Dresdner Neustadt, Königstraße 10, wohnende Adam Friedrich Oeser nahm Winckelmann als Pensionär auf. Der Maler Oeser schulte „das Auge" seines Mitbewohners.

Zum Schlüsselerlebnis für Winckelmanns These vom Vorrang der griechischen Kunst wurden drei Gewandstatuen aus der kurfürstlichen Antikensammlung. Begeistert beschrieb er die „Herkulanerinnen" mit künstlerischer Feder: „Die drei Vestalen [heute im Depot des Albertinum zu sehen] sind unter einem doppelten Titel verehrungswürdig. Sie sind die ersten großen Entdeckungen von Herculaneum: allein was sie noch schätzbarer macht, ist die große Manier in ihren Gewändern." Auf Anraten des Premierministers Heinrich von Brühl widmete Winckelmann seine Schrift Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauerkunst (1755) dem Kurfürsten Friedrich August II. Mit einer Auflage von 50 Exemplaren zunächst nur für Freunde gedacht, wurde bald eine zweite Auflage notwendig. Der Leipziger Literaturtheoretiker und Schriftsteller Johann Christoph Gottsched war begeistert. Er lobte nicht nur Witz, Belesenheit und Kenntnis des Verfassers, sondern auch „seine natürliche Lebhaftigkeit".

Aufgrund des Erfolges äußerte der Kurfürst wohlwollend: „Dieser Fisch soll in sein rechtes Wasser kommen". Das Stipendium für einen nunmehr zweijährigen Romaufenthalt war gesichert. Zuversichtlich trat der Kunstschriftsteller Winckelmann am 24. September 1755 seine Reise an. Am 18. November erreichte er die Ewige Stadt. Ein neues Zeitalter hatte begonnen! - Drei Jahre später schrieb er dem befreundeten Bibliothekar Francke nach Nöthnitz: „In Rom, glaub´ ich, ist die hohe Schule für alle Welt".

Abbildungsnachweis:
Theobald von Oer, Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek (1874). In: Museumsführer Studienstätte Schloß Nöthnitz e.V., S. 12 und 13. Foto: SLUB Dresden, Abt. Fotothek.