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Christina Lange und Florian Russi

Karl May

Karl May

Florian Russi

Ein Sachse voller Fantasien

Ein vorfahrender Verwandter von mir, Besitzer eines landwirtschaftlichen Gutes, legte sich, als er sich aufs Altenteil zurückzog, die gesammelten Werke von Karl May zu und begann zu lesen. Nachdem er den letzten Band beendet hatte, fing er wieder von vorne an und das mehrere Male hintereinander. Bei über 60 umfangreichen Bänden wird man dem alten Herrn zubilligen müssen, dass er immer wieder von neuem gefesselt war von den fantasievollen Reise- und Erlebnisschilderungen Mays. Der Verwandte erreichte ein damals biblisches Alter von über 90 Jahren und soll bis zu seinem Tod geistig sehr rege gewesen sein.

Auch der große Philosoph Ernst Bloch (1885 - 1977), der mit 76 Jahren noch eine Professur in Tübingen übernahm und ebenfalls mehr als 90 Jahre alt wurde, war ein begeisterter Karl-May-Leser und sagte in einem Fernsehinterview sinngemäß: „Für mich waren Karl Marx und Karl May die wichtigsten Anreger."

Karl May als Old Shatterhand
Karl May als Old Shatterhand

Karl May, 1842 in Ernstthal in Sachsen geboren, war ein umstrittener, aber ungemein erfolgreicher Schriftsteller. Seine Werke erreichten Millionen-Auflagen und wurden in viele Sprachen übersetzt. Er schuf literarische Figuren wie Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef Omar, Old Shatterhand und Winnetou und beflügelte damit die Fantasien seiner Leser. Einen so treuen und verlässlichen Wilden wie Winnetou zum Freund zu haben, wurde der Wunschtraum ungezählter Jugendlicher, und als Winnetou dramatisch ums Leben kam, flossen in vielen Ländern der Welt Ströme von Tränen in die Nachtkissen. Erstaunlich an Karl May ist, dass er die Länder und Regionen, die er in seinen Romanen sehr eingehend beschrieb, nur aus Reisebüchern und nicht von persönlichen Erlebnissen her kannte. Trotzdem hätte ich, als ich z. B. „Durch das Land der Skipetaren" las, mir die albanische Bergwelt nicht anders vorstellen können und wollen, als von Karl May geschildert. Ebenso erging es anderen Lesern, gleich ob die Geschichten im Orient, im wilden Kurdistan, in den Anden, in der nordamerikanischen Prairie oder im Llano Estacado handelten.

Redakteur Karl May 1875
Redakteur Karl May 1875

Karl May stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Sein Vater war Weber, die Mutter brachte 13 Kinder zur Welt, von denen 9 schon in frühester Kindheit verstarben. Karl erblindete kurz nach seiner Geburt, wurde aber nach einigen Jahren geheilt. Der aufgeschlossene Junge absolvierte später eine Ausbildung zum Lehrer, konnte damit aber beruflich nicht Fuß fassen. Immer wieder geriet er mit den Gesetzen in Konflikt. Er beging Diebstähle, Zechprellereien und Hochstapeleien und wurde mehrfach zu Freiheitsstrafen verurteilt. Dennoch glaube ich nicht, dass kriminelle Energien ihn antrieben. Der kreative Mann fühlte sich lediglich vom Schicksal und seinen Mitmenschen unter Wert behandelt und als strebsamer Sachse versuchte er, dies zu seinen Gunsten zu korrigieren.

1875 bekam er in Dresden eine Chance und nutzte sie. Er wurde Redakteur zweier Wochenblätter, veröffentlichte erste Erzählungen und baute seine Position als Schriftsteller aus. Mit seinem vierteiligen Winnetou-Roman gelang ihm der Durchbruch zum Erfolgsautor.

Villa Shatterhand
Villa Shatterhand

Nun konnte er einige der Länder, die er beschrieben hatte, erstmals selbst bereisen. In Radebeul, einem bürgerlichen Dresdner Vorort, kaufte er sich ein stattliches Haus und nannte es „Villa Shatterhand". Es beherbergt heute ein viel besuchtes Museum mit Hinterlassenschaften des Autors und Requisiten seiner Romane.

Karl Mays Erfolge riefen auch Neider und Gegner auf den Plan. Ein Journalist versuchte ihn mit der Aufdeckung seiner Gesetzesverstöße zu erpressen und der Schriftsteller Arno Schmidt („Zettels Traum") schrieb ein ganzes Buch („Sitara und der Weg dorthin") darüber, dass Mays Romane Ausdruck homoerotischer Fantasien und jugendgefährdend seien. Dessen Ruhm hat dies nicht geschadet. Viele seiner Werke wurden mehrfach verfilmt, und solange es Cowboy- und Indianerromantik gibt und im Orient die Sonne aufgeht, wird er weiterhin Leser mitreißen.

Karl May 1904
Karl May 1904

Der sächsischen Landeshauptstadt blieb Karl May u. a. durch seine Mitgliedschaft in einem Männergesangverein verbunden. Im 2. Band seines Spätwerks „Satan und Ischariot" schildert er eine Szene, in der Winnetou während einer Gesangsprobe unerwartet seinen Blutsbruder „Charly" besucht und in die Arme schließt. Damit wurde der edle Apachenhäuptling ebenfalls zu einem Dresdner (mehr unter „Streifzüge"). Karl May, der seiner Zeit entsprechend vieles aus einer deutsch-nationalen Sicht beschrieb, verfasste im Alter Romane mit pazifistischen Tendenzen.