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Johann Joachim Winckelmann im Kreise der Gelehrten

Klaus-Werner Haupt

1. Theobald Reinhold Anton Freiherr von Oer – ein talentierter Maler und herausragender Illustrator des 19. Jahrhunderts

2. Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek – eine szenische Darstellung zu Theobald von Oers Historiengemälde

3. Johann Joachim Winckelmann als Wegbereiter der Weimarer Klassik

ISBN: 978-3-86397-096-3

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Prinz Friedrich Christian von Sachsen (1722–1763)

Prinz Friedrich Christian von Sachsen (1722–1763)

Klaus-Werner Haupt

Friedrich Christian folgte seinem Vater Kurfürst Friedrich August II. und König von Polen August III. (16961763) für nur 74 Tage im Amt. Angesichts seiner kurzen Herrschaft ist nur wenig über seine Persönlichkeit bekannt. Eine frühkindliche Hirnschädigung verursachte tiefgreifende Störungen im Bewegungsapparat des Prinzen. Da er ohne Hilfe weder stehen noch laufen konnte, hielt man ihn von der Öffentlichkeit fern.

Um für seinen Sohn eine Möglichkeit der Heilung zu finden, ersuchten sein Vater Friedrich August und seine Mutter Maria Josepha, geb. Erzherzogin von Österreich (1699-1757), in England und Frankreich um medizinische Hilfe. Hoffnung bot die Vermählung Maria Amalias (17241760),der Schwester des Kronprinzen, mit Karl III. (17161788), von 1735 bis 1759 König Carlo V. von Sizilien/Carlo VII. von Neapel und Sizilien. Der sächsische Thronfolger sollte seine am 8. Mai 1738 in Pillnitz „per Stellvertreter“ getraute Schwester nach Italien begleiten und sich dort medizinischen Behandlungen unterziehen.

Friedrich Christians außergewöhnliche „Grand Kur“dauerte zwei Jahre und ist bestens dokumentiert: Der Prinz reiste inkognito als „Comte de Lusace“, begleitet von einer 42 Personen umfassenden Entourage: seinem Erzieher und Oberhofmeister Joseph Anton Gabaleon von Wackerbarth-Salmour (1685–1761), seinem Beichtvater und Lehrer – dem Jesuitenpater Wunibald Breinl, seinem Sekretär Hans Moritz von Brühl (1635–1755), seinem Leibarzt Giovanni Lodovico Bianconi (1717–1781) einem Kammerdiener sowie weiteren Bediensteten. Allein für die Gesellschaft des Prinzen wurden zwei Dutzend Kutschen und 52 Koffer benötigt. Ungleich größer war das Gefolge seiner Schwester Maria Amalia. Ihre Reise führte durch habsburgische Lande, die Republik Venedig und den Kirchenstaat schließlich ins Königreich Neapel.

Königspalast von Portici (um 1745)
Königspalast von Portici (um 1745)

Dort verordnete man dem Prinzen einen zweimonatigen Kuraufenthalt auf der Insel Ischia, seit römischer Zeit bekannt für ihr mildes Klima und ihre natürlichen Thermalquellen. Am 23. September 1738 kehrte dersechzehnjährige Prinz auf das Festland zurück, um seinen Erholungsaufenthalt im Königspalast von Portici fortzusetzen. Die Behandlungen konnten den Patienten nicht heilen, aber sein Leiden lindern. Er war nun in der Lage, seine linke Hand zu benutzen und mit Hilfe von Stöcken kurze Strecken zu laufen.

Ausflüge führten Friedrich Christian zu den Sehenswürdigkeiten von Neapel und in einer Portechaise (Sänfte) hinauf auf den benachbarten Vesuv. Am 22. Oktober erteilte Karl III. die Erlaubnis für Grabungen am Fuße des Vulkans. Deren Leitung wurde dem spanischen Militäringenieur Roque Joaquín de Alcubierre (1702–1780) übertragen. Der Prinz erlebte also noch den Transport der ersten Funde aus dem antiken Herculaneum nach Portici. Am 1. November wurde er zum Ritter des Ordens des heiligen Januarius erhoben, eine Woche später verabschiedete er sich von seiner Schwester. Friedrich Christian und Maria Amalia sollten sich niemals wiedersehen.

Die in den Italien erworbenen Kunstgegenstände, Reliquien, Bücher und sonstigen Souvenirs – darunter ein Hund namens „Belgrad“ – sind in handschriftlichen Reisetagebüchern, in Korrespondenzen und Finanzkonten dokumentiert. Wie sein Oberhofmeister Graf von Wackerbarth-Salmour führte auch Friedrich Christian über seine Kavaliersreise Tagebuch. Hans Moritz von Brühl, der Sekretär des Prinzen und ältere Bruder des sächsischen Premierministers, schrieb ein drittes Tagebuch auf Deutsch. Neben gesellschaftlichen Verpflichtungen und kulturellen Veranstaltungen stand in Rom und Venedig der Besuch antiker Stätten sowie Kunstsammlungen auf dem Programm. ( 1 )

Nach einem Staatsbesuch in Wien kehrte der Prinz im Sommer 1740 sichtlich erholt und gereift nach Dresden zurück. Drei Jahre später übernahm er das väterliche Münzkabinett. Wissbegier und Selbstvertrauen blieben Friedrich Christianbis an sein Lebensende erhalten. 1747 heiratete er die Prinzessin Maria Antonia von Bayern (1724–1780). Beide nahmen regen Anteil an den Forschungen Johann Joachim Winckelmanns (1717–1768), der sich mit sächsischem Stipendium in Rom aufhielt. Das Kurprinzenpaar wünschte mit all den Nachrichten von Pompeji und Herculaneum versorgt zu werden, die die neapolitanische Verwandtschaft verwehrte. Im Februar 1758 reiste Winckelmann erstmals an den Golf von Neapel. Dank der Empfehlungen des Kurprinzen erhielt er Zutritt zum Herculanense Museum von Portici und besuchte die Grabungsstätten am Fuße des Vesuv. Die für den Kurprinzen verfassten antiquarischenRelazioni (1758 bis 1763) liefen formell über dessen Leibarzt Bianconi bzw. über den Oberhofmeister Wackerbart-Salmour. 1762 erschienen die dem Kurprinzen gewidmeten Anmerkungen über die Baukunst der Alten.

J. C. Sysang (zugeschrieben), Joseph Anton Gabaleon von Wackerbarth-Salmour (nach 1731)
J. C. Sysang (zugeschrieben), Joseph Anton Gabaleon von Wackerbarth-Salmour (nach 1731)

Im Februar 2017 erwarb die SLUB Dresden bisher verschollen geglaubte Korrespondenzen zwischen Winckelmann und dem Grafen von Wackerbarth-Salmour (1685–1761). Das Briefkonvolut aus der Zeit zwischen Dezember 1759 und Februar 1761 umfasst sieben eigenhändige italienische Briefe Winckelmanns aus Rom sowie die Konzepte zu fünf französischen und einem italienischen Antwortschreiben des Grafen Wackerbarth-Salmour aus München, wo sich das Kurprinzenpaar von 1759 bis 1762 im Exil befand. In den Briefen geht es um antike Funde sowie um Winckelmanns Sympathien und Antipathien gegenüber Gönnern, Kollegen und Künstlern. ( 2 ) Ausgewählte Handschriften, Erstausgaben und Kupferstiche sind vom 30. Mai bis 2. September 2018 anlässlich der Winckelmann-Ausstellung im Buch-Museum der SLUB Dresden zu besichtigen.

Der hoffnungsvolle Thronfolger Friedrich Christian war ein Gegner des korrupten Premierministers Heinrich von Brühl (1700–1763). Nach dem Frieden von Hubertusburg und dem Tod seines Vaters leitete er ab Oktober 1763 grundlegende Reformen ein. Am 17. Dezember 1763 verstarb der vielseitig ambitionierte Thronfolger an Pocken. Winckelmanns Hauptwerk, die ihm gewidmete Geschichte der Kunst des Alterthums (1764), hat er nicht mehr lesen können.


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Quellen:

( 1 ) Cassidy-Geiger, Maureen: Die Grande Kur 1738-1740. Prinz Friedrich Christian von Sachsen auf der Suche nach Heilung und Kultur in Italien. Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden vom 9. Mai bis 19. August 2018 im Sponselraum des Neuen Grünen Gewölbes im Residenzschloss Dresden

( 2 ) Blog der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB):

https://blog.slub-dresden.de/beitrag/2017/09/26/gl...

( 3 ) Haupt, Klaus-Werner: JOHANN WINCKELMANN. Begründer der klassischen Archäologie und modernen Kunstwissenschaften. Weimarer Verlagsgesellschaft/Verlagshaus Römerweg Wiesbaden (2014)

Abbildungsnachweis

( 1 ) Anton Raphael Mengs, Friedrich Christian als Kurprinz von Sachsen und Prinz von Polen (1751).

Schloss Weesenstein

( 2 ) Unbekannter Künstler, Königspalast von Portici (um 1745)

( 3 ) J. C. Sysang (zugeschrieben), Joseph Anton Gabaleon von Wackerbarth-Salmour (nach 1731).

Österreichische Nationalbibliothek Wien