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Kindergedichte für ganz Große

Ulf Annel

Unsinngedichte und witzige Reime zum Querdenken für echte Knalltüten mit frechen Bildern, die Spaß garantieren.

Schelling in Dresden

Schelling in Dresden

Dr. Konrad Lindner

0. Erst Leipzig, dann Dresden

Porträt nach einem Ölgemälde von Christian Friedrich Tieck, um 1800.
Porträt nach einem Ölgemälde von Christian Friedrich Tieck, um 1800.

Nach dem Abschluss des Studiums der Theologie in Tübingen, kam Friedrich Wilhelm Joseph Schelling ab Frühjahr 1796 für zwei Jahre nach Leipzig. Der junge Mann betreute als Hofmeister zwei adlige Studenten und ließ sich aber auch selber in die Matrikel der Universität eintragen. Schelling besuchte Vorlesungen und schrieb zahlreiche Artikel. Vor allem aber verfasste er seine ersten beiden Bücher zur Philosophie der Natur. Insbesondere das Buch „Von der Weltseele“, in dem er nicht allein den Gestaltwandel in der anorganischen Natur, sondern auch die Metamorphose der Pflanzen behandelte, brachte ihm auf Initiative von Johann Wolfgang von Goethe eine Professur der Naturphilosophie an der Universität Jena ein. Bevor Schelling seine Stelle in Jena antrat, machte er einen Abstecher nach Dresden, wo er sich vom 18. August bis 01. Oktober 1798 aufhielt. Die sechs Wochen in der Elbmetropole standen im Zeichen der Kunst. Der erste Historiker der Philosophie und der Kunst, der mit Nachdruck Dresden als Ursprungsort von Schellings Ideen zu einer Philosophie der Kunst unter die Lupe genommen hat, ist Arne Zerbst von der Schelling-Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München. In seinem Buch „Schelling und die Bildende Kunst“ (2011) wird an Hand konkreter Werke – darunter die Sixtinische Madonna und die Gruppe des Laokoon, die in Dresden in einer Bronzekopie der römischen Marmorversion zu sehen ist - als ein Sammlungsort mit Weltgeltung entdeckt. Bereits zur Goethe-Zeit hatte Dresden als Ort der Kunst eine große Ausstrahlung. Daher war es kein Zufall, wenn die Stadt der Ideenentwicklung des Deutschen Idealismus zur Ästhetik einigen Schwung verlieh.

Sixtinische Madonna (Raffael)
Sixtinische Madonna (Raffael)

1. Galerie in Besitz genommen

Wenige Tage nach der Ankunft in Dresden ließ Schelling am Dienstag, den 21. August 1798 an einen Freund in Jena verlauten, dass es ihm „in Dresden so sehr gefällt“, dass er „allerwenigstens einen Monat hier zuzubringen wünsche“. (0; S. 189.) Dabei steckte der angehende Professor im Stress. Er musste die Ende Oktober 1798 beginnende Vorlesung über sein System der Naturphilosophie zu Papier bringen, damit sie in Jena gedruckt werden konnte. Drum klagte Schelling vier Wochen darauf im Brief an die Eltern auch zur Entschuldigung für die ausgebliebene Post und den jetzt nur „kahlen Brief“ mit den Worten: „Aber, warum mußt ich auch gerade nach Dresden reisen – zu einer Zeit, wo ohnehin eine Menge Arbeiten auf meine Zeit Anspruch hatten!“ (0; S. 191.) Doch Schelling ließ sich vom Schreiben an seiner Philosophie der Natur weder erdrücken noch von den Pfaden in die Welt der Kunst abbringen. Arne Zerbst betrachtet die sechs Wochen Schellings in Dresden als „eine herausragende Gelegenheit, konkrete Kenntnisse über bildende Kunst zu erlangen, aus welcher er fortan mit vollen Kräften schöpfen sollte“. (3; S. 59.) Den Eltern schrieb Schelling begeistert: „Ich habe alles, was in Dresden merkwürdig ist – , die Galerie, wo die göttlichen Gemählde der Raphaels und Correggios aufbewahrt sind, die Antikensammlung, wo noch in lebendigen Statuen die alte Welt fortlebt – ich habe die ganze weite und herrliche Gegend um Dresden, die zahllosen fruchtbaren Thäler, die Felsgründe bis an die böhmische Gränze verfolgt – dieß alles und noch viel andres gesehen, und dabei doch noch so gearbeitet, daß ich wohlbeschlagen nach Jena kommen werde.“ (3; S. 59.) Beschwingt von den Erlebnissen berichtete Schelling weiter über Eindrücke in Dresden: „Die hier angehäuften Schäze der Kunst und der Wißenschaft – die Reize einer außerordentlich mannichfaltigen Natur, herrlicher Umgang mit braven und frohen Menschen – dieß alles hat mich keinen Augenblik verdrüßlich werden laßen, als jezt, da leider! die Stunde des Abschieds bald schlagen wird.“ (3; S. 60.) Schellings Wege führten vor allem in die Gemäldegalerie im umgebauten Stallgebäude am Jüdenhof, aber auch in die Antikensammlung im Japanischen Palais auf der Neustädter Elbseite. Die Rede vom „Umgang mit braven und frohen Menschen“ bezieht sich auf das Romantikertreffen in Dresden, das auch Schellings Biograph Xavier Tilliette beschreibt: „August Wilhelm und Caroline Schlegel hatten sich gerade in Elbflorenz niedergelassen, wo Charlotte Ernst, geborene Schlegel, bereits wohnte. Friedrich kam voller Neugier aus Berlin hinzugeeilt, um einen bewunderten und gefürchteten Rivalen kennenzulernen … Novalis sollte für einige Tage aus Freiberg kommen, Fichte ebenfalls; Steffens und der treue Famulus Gries hielten sich bereits in Dresden auf.“ (1; S. 69/70.) Das Treiben der geistig regen Romantikertruppe beschrieb die Malerin Dorothea Stock in ihrem Brief vom 24. Oktober 1798 an ihre Freundin Charlotte Schiller aus eigener Anschauung: „Schlegels waren hier, wie du weißt, und haben sich nach unserm Wunsche entfernt von uns gehalten. Sie hatten die Gallerie in Besitz genommen und haben mit Schelling und Gries fast jeden Morgen da zugebracht. Sie schrieben auf und docirten, dass es eine Freude war.“ (3; S. 67.) Wenn der Tag derart mit dem Philosophieren über Kunst begann, ist davon auszugehen, dass er bei Schelling spät am Abend mit dem Schreiben über Philosophie der Natur ausklang.

Correggio: Die Heilige Nacht
Correggio: Die Heilige Nacht

2. Meister des Hell-Dunkel

Zu den Kunstwerken, die Schelling in Dresden vor Augen hatte und auf die er später in Jena in seinen Vorlesungen zur "Philosophie der Kunst" zurückkam, die er zuerst im Wintersemester 1802/03 gehalten hat, gehört eines der berühmtesten Werke in der Gemäldegalerie: „Die heilige Nacht“ (1522/30) von Correggio. Antonio Allegri, genannt Correggio (um 1489-1534), schuf „Die Heilige Nacht“ zwischen 1522 und 1530 als Ölgemälde auf Pappelholz. (3; S. 151.) Wie Schelling in seiner Philosophie der Natur über Licht und Materie nachdachte, verschaffte er sich in der bildenden Kunst durch die Auseinandersetzung mit der Hell-Dunkel-Malerei einen Zugang zum Ursprung des Kunstwerkes. Es wäre ein großer Trugschluss anzunehmen, dass die Denkerfahrung aus der Philosophie der Natur während der beiden Jahre in Leipzig keine Rolle spielte, als Schelling im Spätsommer 1798 in Dresden "fast jeden Morgen" in der Galerie zubrachte. Verharrte der junge Mann vor dem Gemälde "Heilige Nacht" ließ er sich auf das besondere Farbenspiel ein, das dadurch entsteht, dass eine nächtliche Szenerie künstlich beleuchtet wird. Das Tageslicht ist verloschen, doch das Jesuskind, das geschützt durch die Arme von Maria in der Krippe liegt, leuchtet ungewöhnlich hell. Das Neugeborene beleuchtet das glückliche Gesicht der Mutter und strahlt derart stark, dass die Hirtin an der Säule ihre Hand schützend vor die Augen hält. Bis in die Gegenwart gehört das Gemälde zu den "beliebtesten Weihnachtsmotiven weltweit". (2; S. 35.) Obwohl sich Schelling von der symbolträchtigen Szene berühren ließ, verharrte er bei der Diskussion nicht bei einem begriffslosen Hinsehen. Ihm lag daran, das Wesen eines Kunstwerkes zur Sprache zu bringen. Das versuchte er mit Denkfiguren wie Attration und Repulsion, also Anziehung und Abstoßung, die sich in der Philosophie der Natur bewährt hatten. Über die Magie des Spiels zwischen Dunkel und Hell führte der Kunsttheoretiker des Deutschen Idealismus später in Jena in seiner Vorlesung zur Philosophie der Kunst aus: "Durch das Helldunkel lassen sich nicht nur erhabene, frei voneinander abstehende Figuren, zwischen denen das Auge sich ohne Widerstand hin- und herbewegt, sondern auch alle möglichen Effekte des Lichts hervorbringen. Durch die Künste des Helldunkels ist es sogar möglich geworden, die Bilder ganz selbständig zu machen, nämlich die Quelle des Lichts in sie selbst zu versetzen, wie in jenem berühmten Gemälde des Correggio, wo ein unsterbliches Licht, von dem Kinde ausgehend, die dunkle Nacht mystisch und geheimnißvoll erleuchtet." (3; S. 150/151.) Die ästhetische Kraft der Malerei sieht Schelling im Kontrast von Licht und Nicht-Licht begründet. In dem Nachtstück der Hirtenanbetung hält Schelling das Prinzip der Malerei auf eine paradigmatische Weise für verwirklicht. In seinen Vorlesungen zur Philosophie der Kunst benannte der Philosoph daher auch Correggio als "Maler aller Maler", weil seine Werke auf eine urtypische das Wesen der Malerei ausdrücken. (3; S. 157.)

3. Eine echte Urnatur

Über die angeregten Unterhaltungen in der Galerie vom Spätsommer 1798 verfasste August Wilhelm Schlegel mit seiner Frau Caroline das ausführliche Gesprächsstück "Die Gemälde", das 1799 in dem Journal "Athenäum" publiziert wurde, in dem viele Werke und darunter zahlreiche Landschaftsdarstellungen beprochen werden. Doch im Zentrum steht Raphaels "Sixtinische Madonna". Dieses Meisterwerk in Dresden wird von den Schlegels hymnisch gepriesen. Das Dichter-Gespräch über Malerei war eine Wortmeldung zur Ästhetik an der Wende zum neuen Jahrhundert, in der Dresden als einzigartiger Sammlungsort gefeiert wurde. An diesem Schauplatz des Schönen fühlte sich Schelling jedenfalls dazu ermutigt, die Gemälde des Antonio Allegri und des Raffaello Santi als eine Seinsweise von Kunst zu besprechen, die mit einem dynamischen Naturbegriff konform geht. Schelling wird der hier nur sinngemäß formulierte Satz zugeschrieben, dass die Natur im Menschen die Augen aufschlägt und sieht, dass sie da ist. Ein so gefasster Naturbegriff verrät, dass Materie für Schelling kein starrer Klotz, sondern die alte Mutter Erde war, zu der sowohl das tote Gestein der äußeren Kruste mit dem Marmor von Carrara gehört als auch der heiße Kern unseres Planeten, in dem alles fließt. Eine Materie, zu der sowohl die lebende Organisation der Pflanzen und Tiere gehört als auch der plötzliche Geistesblitz leibhaftiger Menschen vor einem mit Meisterschaft verfertigten Kunstwerk wie der Gruppe des Lakoon, die Schelling in der Antikensammlung im Japanischen Palais betrachten konnte. In einem Etwas, das den Status eines Kunstwerks erfüllt, sind Materie und Geist und Schönes unlöslich vereint, weshalb Schelling die Kunst nicht als Ding oder Zeug, sondern als Organismus und das heißt als komplexe Kultur- und Lebensform ansprach. Schellings gedanklicher Zugriff auf die Kunst besagt, dass Kunstwerke nicht sprachlos und menschenfern daherkommen, sondern gemeinsam mit stimmbegabten Menschen, die erstaunt die Augen aufschlagen und beim Schauen zum Gespräch über das sichtbar Bewirkte und Geformte ausholen. Wissenschaftlich geleitete Naturveränderung und ästhetisch orientierte Kunsterzeugung waren für Schelling keine getrennten Welten, sondern Elementarformen freiheitlicher Praxis und somit Ausdrucksformen menschlichen Geistes. Deshalb stand sich der schwäbische Denker der Freiheit auch nicht selber im Wege, als er während der Wochen in Dresden in beiden Kulturen – in Wissenschaft und Kunst - unterwegs war. Umso erfreulicher ist, dass Caroline Schlegel nicht nur dabei mitwirkte, die Gemälde in der Galerie und die Diskussion über sie zu beschreiben. In der privaten Korrespondenz fand Caroline während jener beschwingten Wochen auch Worte für den 23-jährigen Schelling, den sie in Dresden im Zuge des Romantikertreffens gerade erst kennen gelernt hatte und einige Jahre später heiraten sollte. Im Brief an den Schwager schrieb Caroline am 15. Oktober 1798 sicher auch unter dem frischen Eindruck davon, wie engagiert Schelling daran ging, die Mauern zwischen der Philosophie der Natur und der Philosophie der Kunst einzureißen: "Glauben Sie, Freund, er ist als Mensch interessanter als Sie zugeben, eine rechte Urnatur, als Mineralie betrachtet, ächter Granit." (1; S. 73.)

10. Januar 2018

Literatur:

(0) Schelling. Briefe 1. Briefwechsel 1786 – 1799. Stuttgart 2001.

(1) Xavier Tilliette: Schelling. Biographie. Stuttgart 2004.

(2) Andreas Hennig/Harald Marx/Uta Neidhardt: Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden. Dresden 2007.

(3) Arne Zerbst: Schelling und die Bildende Kunst. München 2011.

Bildquellen:

Friedrich Wilhelm Schelling, Gemälde von Joseph Karl Stieler, 1835, gemeinfrei

Porträt nach einem Ölgemälde von Christian Friedrich Tieck, um 1800. gemeinfrei

Sixtinische Madonna (Raffael), gemeinfrei

"Die heilige Nacht" von Correggio als "gemeinfrei"